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Außenpolitik

Mearsheimer's Realismus in der Rezension

Die Rezension ordnet Mearsheimer's Realismus band ein, prüft Kernthesen zu Macht und Sicherheit und zeigt Stärken, Grenzen und Anschlussliteratur auf.

Die Redaktion der Rheinischen Korrespondenz

Ein Rezensent schreibt an einem hölzernen Bibliothekstisch in ein Notizbuch
Illustration: Rheinische Korrespondenz

Du willst verstehen, was John Mearsheimer mit seinem offensiven Realismus behauptet, wo die Debatte darüber liegt und welche Bücher dich weiterführen. Dieser Beitrag fasst die Thesen in ihrer stärksten Form zusammen, ordnet die wichtigsten Einwände und zeigt dir, wie du eine Theorieschule fair prüfst, statt sie nur zu bestätigen oder abzulehnen.

Wer ist John Mearsheimer und was meint offensiver Realismus

John J. Mearsheimer lehrt Politikwissenschaft an der University of Chicago und gehört zu den einflussreichsten Vertretern des neorealistischen Denkens. Auf seiner eigenen Webseite führt er seine Bücher, Aufsätze und Vorträge auf, darunter das Hauptwerk The Tragedy of Great Power Politics von 2001 in überarbeiteter Auflage von 2014. Offensiver Realismus meint eine Theorie, die Großmächte nicht als zufriedene Akteure beschreibt, sondern als Staaten, die ihre Sicherheit nur durch möglichst große relative Macht kaufen können. Für dich ist das die Kernlosung: Nicht Eroberungslust, sondern die Struktur des internationalen Systems treibt die Mächte zum Wettbewerb.

Welche fünf Annahmen den Ansatz tragen

Mearsheimer formuliert fünf Grundannahmen, die du beim Lesen prüfen kannst. Erstens: Das internationale System ist anarchisch, es fehlt ein übergeordneter Schlichter über den Staaten. Zweitens: Großmächte verfügen über offensive militärische Fähigkeiten und können einander schaden. Drittens: Kein Staat kann die Absichten der anderen sicher kennen, schon gar nicht in der Zukunft. Viertens: Das Hauptziel jedes Staates ist das Überleben. Fünftens: Staaten sind rationale Akteure, die über ihr Überleben strategisch nachdenken. Aus diesen fünf Annahmen folgt für ihn: Staaten fürchten einander, helfen sich selbst und maximieren ihre relative Macht, so weit es geht. Wenn du eine der Annahmen angreifst, prüfst du das Fundament der ganzen Theorie.

Was Machtmaximierung in der Praxis bedeutet

Das Ziel der Machtmaximierung ist bei Mearsheimer die regionale Hegemonie, nicht die Weltherrschaft. Große Gewässer bremsen militärische Macht, er nennt das die stopping power of water, und machen eine globale Vorherrschaft praktisch unerreichbar. Die Vereinigten Staaten gelten ihm deshalb als einzige regionale Hegemonialmacht der Neuzeit und als offshore balancer, der eingreift, wenn anderswo ein Rivale die Vorherrschaft anstrebt. Dazwischen liegen die Verhaltensweisen buck-passing, das Durchreichen der Last an Dritte, und balancing, die gemeinsame Eindämmung eines Aufsteigers. Für deine Lektüre lohnt es, bei jeder Politik zu fragen: Wird hier balanciert, durchgereicht oder selbst gebunden?

Was der Ansatz für China und Europa vorhersagt

Die bekannteste Folgerung lautet, dass China nicht friedlich aufsteigen kann, weil Washington keinen ebenbürtigen Rivalen duldet und Peking die Hegemonie in Asien anstrebt. Mearsheimer prognostiziert deshalb einen intensiven Sicherheitswettbewerb und eine Eindämmungskoalition der Vereinigten Staaten mit den asiatischen Nachbarn Chinas. Für Europa zieht er eine andere Folge: Ohne den amerikanischen Ordnungsrahmen steigt das Risiko eigener Machtkonkurrenz, ein Gedanke, den er schon in seinem Aufsatz Back to the Future von 1990 über das Europa nach dem Kalten Krieg formulierte. Ob du die Prognose teilst oder nicht, sie liefert dir eine prüfbare Erwartung: Wer die Theorie ernst nimmt, muss sich an der Beobachtung messen lassen, ob Eindämmung und Lastenverteilung tatsächlich eintreten.

Warum sein Aufsatz zum Ukraine-Krieg für Streit sorgt

Im September 2014 veröffentlichte Mearsheimer in Foreign Affairs den Aufsatz Why the Ukraine Crisis Is the West's Fault. Darin macht er die NATO- und EU-Erweiterung sowie die westliche Förderung der ukrainischen Veränderungen für den Konflikt mitverantwortlich. Die Kritik an dieser Lesart ist stark: Sie verkenne den Eigenwillen der Staaten zwischen den Mächten, übernehme die russische Bedrohungswahrnehmung zu einseitig und verschiebe die Verantwortung für eine Angriffsentscheidung. Für dich ist der Aufsatz ein Lehrstück im fairen Lesen. Du kannst seine Strukturanalyse ernst nehmen und zugleich fragen, wo sie Handlungsfreiheit und innere Ursachen unterschätzt. Der Beitrag über Analysen zur Außenpolitik hilft dir, normative Ablehnung von analytischer Prüfung zu trennen.

Welche Kritik die Debatte wirklich trägt

Brauchbare Kritik an Mearsheimer zielt auf seine Annahmen und seine Empirie. Liberale Denker wie G. John Ikenberry halten dagegen, dass Institutionen, wirtschaftliche Verflechtung und eine regelbasierte Ordnung den reinen Machtwettbewerb dämpfen können. Vertreter des defensiven Realismus, von Kenneth Waltz bis Charles Glaser und Stephen Walt, bestreiten, dass Sicherheit nur durch maximale Macht zu haben ist: Wer zu viel strebt, provoziere gerade die Koalition, die er fürchtet. Empirische Kritiker verweisen auf das friedliche Ende des Kalten Krieges und auf Fälle, in denen Großmächte trotz Anarchie dauerhaft kooperieren. Lege dir eine Matrix mit den Spalten Annahme, Mechanismus, Beleg und Reichweite an und trage jeden Einwand dort ein, wo er hingehört.

Welche Anschlussliteratur zu den Thesen passt

Für die Vertiefung beginnst du mit The Tragedy of Great Power Politics, dem Hauptwerk, in dem Theorie und Geschichte zusammengeführt werden. The Great Delusion von 2018 trägt seine Kritik an der liberalen Hegemoniepolitik der Vereinigten Staaten, und How States Think von 2023, gemeinsam mit Sebastian Rosato, verteidigt die Annahme rationaler Außenpolitik gegen psychologische Einwände. Als Gegenlektüre eignen sich Stephen Walts The Origins of Alliances zur Balance-of-Threat-These und Robert Keohanes After Hegemony für die institutionelle Erwiderung. Über den Verlagskatalog von Princeton University Press und die Fachbibliografien findest du die breitere Forschungsliteratur zu Realismus und seinen Gegenentwürfen. Die Methoden der Außenpolitikforschung und der Beitrag über Referenzwerke zum Völkerrecht helfen dir, Belegarten zu sortieren und sicherheitsbezogene Thesen mit rechtlichen Bindungen abzugleichen.

Schreibe die fünf Annahmen auf eine Karte, prüfe an einem aktuellen Konflikt, welche davon trägt und welche bröckelt, und lese danach einen Einwand aus dem Lager der Institutionen, bevor du dir ein Urteil bildest.